Zu Besuch im Atelier von Chris Löhmann

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Podcastfolge 5 Zu Besuch im Atelier von Chris Löhmann

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Ich denke auch, manchmal vergleiche ich mein Leben mit einer großen Wühlkiste. Manchmal hab ich das Gefühl, dass mein eigentliches Leben erst nach diesem (Leben) anfängt, und dass ich den Dingen begegnen werde oder dass mein (zukünftiges) Leben aus denjenigen Dingen, die ich gefunden und zusammengetragen habe, konstruiert ist. So ein wenig, als würde ich hier sozusagen den Bausatz zusammenstellen. So ein bisschen, hab ich das Gefühl.

Chris Löhmann

Der Künstler als Sammler von Eindrücken, Erfahrungen und Funden, die er in seinem eigenen Werk neu sortiert und arrangiert, ist v. a. ein Phänomen in der Literatur. Man denke nur an Walter Kempowski (1929–2007), den großen Sammler, Archivar und Schriftsteller aus Rostock. „Ich will Archiv werden“, lautete dessen kindlicher Berufswunsch. Später setzte er dies in seinen literarischen Projekten um. Aus unzähligen Tagebucheinträgen berühmter Persönlichkeiten, historischer Figuren und der allgemeinen Bevölkerung schuf er mit „Echolot“ ein kollektives Tagebuch über den Zweiten Weltkrieg. Im Bereich der bildenden Kunst ist es beispielsweise Aby Warburg (1866–1929), der eine ähnliche Praxis verfolgte. In den 1920er Jahren sammelt der Kunsthistoriker und Wissenschaftler Reproduktionen von Kunstwerken, Zeitungsausschnitten und Werbeanzeigen, um wiederkehrende visuelle Themen und Muster der Antike bis zur Gegenwartskunst in seinem „Bilderatlas Mnemosyne“ zu bündeln. Sein assoziatives Verfahren der Verknüpfung und Montage ist auch ein wichtiges Element in den Arbeiten von Chris Löhmann.

Chris Löhmann in seinem Atelier, Königstein in der Sächsischen Schweiz, 2022 | Foto: Adam Dreessen

Chris Löhmann bewohnt mit seiner Familie einen Teil des ehemaligen unsanierten Postgebäudes im sächsischen Königstein. Ein besonderer Glücksfall, denn der Besitzer gewährt den Mietern Wohn- und Arbeitsraum zu einem fairen Preis. Mittlerweile begeistert er sich auch als Sammler für die Kunst von Chris Löhmann. Es ist eine besondere Wohnsituation, die ehemalige Post aus der Gründerzeit bietet der jungen Familie genug Platz und Freiräume zum Leben und künstlerischen Arbeiten. Im Hochparterre, wo sich einst Schalterhalle und der Paketraum befanden, hat sich das junge Paar mit seinen Kindern neben den Wohnbereichen auch Atelierräume eingerichtet. Die ungewöhnlich hohen und großzügigen Räume bieten viel Platz und eine kontemplative Atelieratmosphäre. Das trutzige, dicke Gemäuer wird von einer Seite durch massige Felswände verschattet. Dämmriges Licht, eine angenehme Stille und Kühle schirmen die Bewohner auch tagsüber bei sommerlichen Temperaturen von der Außenwelt ab. 

Ach ich glaube mir wäre es ein bisschen lieber gewesen, wenn die Post in Freital gestanden hätte. Aber man kann nicht alles haben (lacht). Nein wir sind sehr sehr glücklich damit. Einerseits, weil hier sehr viel Geschichte drinsteckt und andererseits weil wir unglaublich viel Platz haben, das ist wirklich ganz großartig. Wenn man das angeboten bekommt, dann muss man ja dazu sagen. Und die ganzen Konstellationen drum herum, ja das war dann sozusagen Zufall. 

Chris Löhmann

Die Kindheit und Jugend des 1988 in Mecklenburg-Vorpommern geborenen Chris Löhmann ist durch die Umbrüche der Nachwendezeit beeinflusst und von einigen Wohnortwechseln begleitet.

Ja, ich glaube, aus der heutigen Perspektive würde ich sagen, mein Elternhaus war sehr gebeutelt und geschüttelt durch die Wendezeit. Ich stamme aus der Region Güstrow und der dortigen Umgebung. Dort ist meine Familie schon seit jeher ansässig. Das waren alles Müller, Bauern und Bäcker aus der Region.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Spazierende Gespenster auf dem Sportplatz in Weißig, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Erwin Strittmatters (1912–1994) literarische Beobachtungen im brandenburgischen Raum, insbesondere die gesellschaftlichen Umwälzungen vom Ersten Weltkrieg bis zur Zeit der neu gegründeten sozialistischen Republik, wecken früh das Interesse Chris Löhmanns. Der Erfinder des Landwirtschafts-Romans und einer der populärsten Autoren der DDR beschreibt z.B. in seiner Roman-Trilogie „Der Laden“, Kulturgeschichte der DDR. Chris Löhmann, kurz vor dem politischen Strukturbruch geboren, kann so literarisch den Spuren einer Zeit und einem System folgen, das kurz vor seiner Geburt verschwand und dessen bauliche Überreste sowie gesellschaftlichen Umbrüche er als Kind und Jugendlicher in Spremberg, der Geburtsstadt Strittmatters, erlebt.

Zuerst zogen wir nach Spremberg, das war ganz wichtig für mich. Das war eine wunderschöne Gegend, da habe ich meine ganz frühen Jugendjahre verbracht

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Der Teufel auf der Pirsch (Spremberger und Freitaler Verbindungen), Faserstift auf Velin, 2021 | Foto: Chris Löhmann

Auch in Chris Löhmanns Arbeiten sind äußerliche Spuren der DDR-Vergangenheit zu finden, möglicherweise sind sie auch den literarischen Einflüssen des sozialistischen Entwicklungsromans von Erwin Strittmatter geschuldet. Doch Löhmanns bildhafte Zitate, die an Überreste ostdeutscher Bausubstanz erinnern, suchen keine konkrete inhaltliche Anknüpfung an die Ideenwelt des Staatssozialismus.

Wenn zum Beispiel so eine DDR Bauernromantik (in meinen Bildern) wieder auftaucht, dann ist es wiederum genau das und nicht diese ganze Realität, die wir jetzt noch darum konstruieren. Es ist völlig auf einer abstrakten, ganz anderen Ebene zu verstehen.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Blick aufs alte Hoyerswerda, Faserstift auf Bauplan, 2022 | Foto: Chris Löhmann

Mit 19 Jahren verlässt Chris Löhmann den ostdeutschen Norden. Unschlüssig, wie es nun weitergehen soll, beginnt er aufgrund des elterlichen Drängens eine Ausbildung zum gestaltungstechnischen Assistenten (GTA) im sächsischen Freital.

Ich würde sagen, das war Schicksal. Ich habe einfach diese Ausbildung gemacht. Die war gewissermaßen ein Sammelbecken für Leute, die irgendwie kreativ veranlagt waren, aber die noch nicht so richtig wussten wohin mit sich. Oder sie wussten nicht so richtig, wie sie ihre Veranlagung nutzen konnten. Und deswegen denke ich mal, da standen viele Eltern, wie auch in meinem Fall, dahinter, die gesagt haben: „Rumreisen und Rausfinden, was man mag, das gibt es nicht! Sondern es wird was Vernünftiges gemacht, so wie etwa eine Ausbildung.“ Und daher war das dort (in Freital) so ein wenig die „Kaderschmiede der Kreativen“ würde ich sagen (lacht).

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Chris Löhmann: Fingerübung #1042, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Dass er eine Begabung im Zeichnen besitzt, wird Chris Löhmann durch eine Zufallsbegegnung in der Schulzeit bewusst.

Das erste Mal, an das ich mich erinnere, als ich irgendetwas mit Zeichnungen und Kunst zu tun hatte, war, als in der Schule, jemand eine Zeichnung von mir zu sich nach Hause mitgenommen hat und dann am nächsten Tag zu mir gesagt hat: „Die fand mein Vater richtig cool Deine Zeichnung!“ Das war das erste Mal, als ich gedacht habe, ah toll, Mensch, das probiere ich nochmal ein bisschen weiter aus.  

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Rittersporn II, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Aber nicht nur die Ausbildung ebnete Chris Löhmann die Entscheidung für eine künstlerische Tätigkeit, auch die Kreisstadt Freital, südwestlich von Dresden gelegen, übte von Anfang an eine große Faszination auf ihn aus. Vor einhundert Jahren war die Stadt Freital durch ihren begünstigten Standort bekannt für Industrialisierung und Steinkohlenbergbau. 2007, als der junge Chris Löhmann in Freital seine Ausbildung beginnt, ist es die ländliche Idylle, die ihm Nährboden für seine Kunst bietet. Denn Freitals vegetative Umgebung ist der städtischen Bebauung überlegen und lässt dem jungen Auszubildenden viel unentdeckten Freiraum.

…und dann bin ich für meine Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten, kurz GTA, nach Freital gegangen und dort habe ich eigentlich die wichtigsten Entwicklungsjahre überhaupt verbracht. Die Leute denken immer, ich will sie verarschen, wenn ich das sage, aber ich liebe Freital. Freital ist die schönste Stadt, die ich mir denken kann, wirklich. Fast egal in welche Richtung man geht, man ist in fünf Minuten in der Natur, man ist raus, man ist oben auf einem Berg. Man hat eine unglaublich tolle Aussicht. Es gibt dort Felsen und vor allen Dingen, es ist nicht wie hier in der Sächsischen Schweiz, der Freizeitpark der Städter. Freital ist ja auch ein wenig verrufen, deswegen gibt es dort nicht so viele Menschen, nicht so viele, die gerne dort hinfahren. Daher hat man die ganzen schönen Plätze nur für sich, das ist herrlich. Ich liebe das. Und ich bin dort gern in diesem Tal, das ist vielleicht auch fast schon bildlich gesprochen. Ich bin dort wie unter so einer Kuppel. Ich habe lange Zeit in Freital gelebt ohne Internet. Da bin ich heute so froh. Also zu meiner Zeit, als ich damals in der Ausbildung war, da fing es mit dem Internet ja erst an, das war noch nicht so weit gediehen wie heute. Aber ich war bewusst so abgeschieden von all dem und konnte mich dort in meinem Kosmos bewegen. Ich habe durch ausprobieren, gar nicht so sehr durch Nachahmen, sondern eher durch Ausprobieren, so viel gelernt und bin häufig spazieren gegangen. (lacht). Das ist der Wahnsinn. Da bin ich wirklich sehr sehr dankbar für diese Zeit, das war so toll. Tolle Stadt.

Chris Löhmann

Auch Gottfried Bammes (1920–2007), deutscher Künstler und Anatom, wurde im Stadtteil Potschappel, heute ein Teil Freitals, geboren. Bammes unterrichtete von den 1950er Jahren bis in die 1980er Jahre Künstleranatomie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seine Lehr- und Handbücher zählen bis heute zu den Standardwerken der Künstleranatomie. Es ist Zufall, vielleicht auch Fügung, dass Löhmann Jahrzehnte nach Bammes’ Wirken nach Freital kommt und später gleichfalls an der Dresdner Kunsthochschule studieren wird. Die sächsische Kreisstadt bleibt für Löhmann jedoch der Ausgangspunkt für sein künstlerisches Schaffen, ein Umstand, der bis heute in seinen Werken sichtbar wird. Hier beginnt er sich auszuprobieren.

Also ich glaube ganz besonders wichtig zu der Zeit war eigentlich das Prinzip der Glasglocke. Einfach für mich sein, einfach  abgeschlossen erst einmal ausprobieren. Das hatte im Grunde oftmals gar nicht so viel mit der Ausbildung zu tun. Aber es gibt schon Dinge, über die ich heute nachdenke und resümiere: Ja okay, das habe ich zu der Zeit schon gelernt, das war wichtig. Zum Beispiel den Kunstgeschichtsunterricht mit Dr. Seidel. Ich fand den Unterricht damals unheimlich ätzend und heute denke ich mit so einer Nostalgie daran. Wahnsinn, was ich da alles gelernt habe, z.B. die ganz intuitive Liebe zur griechischen Antike, das habe ich alles aus dieser Zeit herausgezogen. Also im Nachhinein betrachtet, ganz großartig. In Freital habe ich auch die ersten bildenden Künstler kennengelernt, weil Dr. Seidel, hat uns auch immer mit in Ateliers geschleppt. Das fanden wir ganz furchtbar ätzend, aber es gibt sehr viele Sachen, an die ich heute noch denke. Damals waren wir bei einem Künstler namens Petrowski im Atelier, der berichtete uns von einer Erfahrung, die ich nun selbst auch gemacht habe. Das war ganz toll. Aber ich muss auch sagen, ich hatte zu dieser Zeit wirklich überhaupt keine Ahnung vom Kunststudium und es gab auch dort in der Ausbildung nicht viele Leute, die einem darüber wirklich viel erzählen konnten. Die wirklich ideale Startrampe war es dann auch nicht. Aber wie gesagt, es war gut für mich zum Ausprobieren. Dieses langsam Rantasten und dieses Gucken war wichtig. Zu schauen was gibt es, was geht und was nicht. Das musste ich mir alles selbst erarbeiten. Das war auch ein fürchterlicher Findungsweg, der mich u.a. ein halbes Jahr nach Berlin Kreuzberg geführt hat, wo ich auch gewohnt habe. Das wiederum war grauenhaft. Nie wieder möchte ich diese Erfahrung machen, es war ganz schrecklich.

Chris Löhmann
Chris Löhmann, Rittersporn, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

In Berlin führt Chris Löhmann fort, was er in Freital während seiner Ausbildung  bereits heimlich begonnen hatte – Street Art. Er sucht Anregung bei der politisch linksorientierten, dissidenten Subkultur und arbeitet neben dem direkten Farbauftrag durch Sprühen auch mit eigens entworfenen Schablonen. Löhmann klebt Paste-Ups, eigene ausgeschnittene Zeichnungen an ausgewählte Oberflächen im Stadtraum. Die Entwürfe für seine Urban Art speist er zu dieser Zeit aus den eigenen Skizzenbüchern. Löhmann ist begeistert darüber das Stadtbild meist unbemerkt und zunächst nur in Freital zu verändern. Seine Kunst ist nun sichtbar und wird in der beschaulichen Kreisstadt wiedererkannt. Doch die Verlockung nach Berlin zu gehen, um dort jede Nacht unterwegs zu sein und die eigenen Arbeiten in anderem Kontext zu zeigen, ist groß und so zieht Löhmann nach seiner Ausbildung in die Großstadt.

In Freital habe ich so meine ersten Streetart Sachen gesehen, das war natürlich auch alles sehr provinziell und kleinstädtisch. Aber ich war furchtbar beeindruckt davon, ich fand das ganz toll und ich hatte damals auch keine Zeitschriften, habe keine Websiten, kein Social-Media genutzt. So etwas habe ich alles nicht gehabt und ich kannte auch niemanden, der das machte, was ich tat. Also habe ich mir das alles selbst beigebracht, manchmal auch mit Sachen, wo ich heute denke, um Gotteswillen, das hätte ich vielleicht mit anderen Dingen viel besser machen können oder mit anderen Techniken. Ich habe damals manchmal aus einem Blatt Papier eine Schablone geschnitten oder aus einer Pappe und dann ist das furchtbar verklebt, schrecklich. Aber das Coole war, ich habe es einfach selber gemacht und ich habe dort angefangen meine Umgebung zu gestalten. So sind dann ja auch diese Spaziergänge zustande gekommen. Ich habe gemerkt, ich kann meine Umgebung ganz aktiv gestalten. Und da es in der Nacht stattfand, war das immer ein ganz ganz großes Abenteuer. Also weniger Kunst, also bildende Kunst, sondern mehr Abenteuer. Das war ganz fantastisch und irgendwann habe ich es dann so weit gebracht und übertrieben, das ich meinte, ich will das mal in der Großstadt ausprobieren. Ich will das machen und dann habe ich dieses halbe Jahr in Berlin gelebt und habe dort jede Nacht geklebt, jede Nacht. Aber das war einfach nicht dasselbe, weil es ja einen großen Unterschied macht. Wenn du in einer kleinen Stadt bist, wo es vielleicht auch nicht viele gibt, die dafür affin sind, aber die Leute es sofort bemerken wenn irgendwo was Neues klebt oder was Neues gemalt ist. Die sehen das und die finden es megatoll. In der großen Stadt hingegen, gehst du ein halbes Jahr lang, jede Nacht kleben und gehst einfach unter in der Masse. Das macht keinen Spaß. Und dann muss ich sagen, war es auch die Umgebung, die mir die Stadt so verleidet hat. Ich habe gemerkt, ich brauche die Natur, etwas Abgeschlossenes. Ich brauche auch Orte und Zeiten, wo keine Menschen um mich drum sind, das funktioniert für mich sonst nicht.

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Chris Löhmann: Selbst unter Strom, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Die Ernüchterung holt den jungen Streetartist schnell ein, Berlin ist zu groß, zu anonym. Die Großstadt schluckt das Individuum. Löhmanns öffentliche Kunst geht unter in der großen Masse. Nach einem halben Jahr steht sein Entschluss fest, er will zurück nach Freital.

Ja, also so nach dem halben Jahr bin ich wieder zurück nach Freital gegangen. Da haben mich wirklich alle für verrückt erklärt, weil von Freital nach Berlin zu gehen, das war verständlich für die meisten, aber von Berlin nach Freital, das war völlig irre. Aber da habe ich dann nochmal ein Jahr in Freital verbracht.

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Nach einer Zeit der Orientierung und der Erprobung als Streetartist in Freital, Berlin und Dresden wird sich Chris Löhmann bewusst, dass das, was er eigentlich machen möchte, eine autonome Art von Kunst ist. Für ihn ist das Studium der bildenden Kunst, ja die Kunst selbst, nur ein Vehikel, eine Art Brücke, die ihm den Weg für das Eigentliche ebnet: Die Visualisierung seiner eigenen Vorstellungswelt, losgelöst von allen gesellschaftlichen und politischen Anforderungen und Zwängen.

Ich bin dann zum Streetart-Machen nach Dresden gezogen und dort habe ich auch wieder viel geklebt, ein halbes Jahr lang. Nebenher habe ich mich immer wieder beworben bei den unterschiedlichen Kunsthochschulen und das hat leider zunächst nicht geklappt. Aber irgendwann wurde ich angenommen. Ich glaube diesen Prozess, den du so meinst, der hat sich erst so richtig während des Studiums eingestellt. Er ist auch gar nicht so alt würde ich sagen. Man muss sich ja als bildender Künstler dann auch irgendwann fragen, warum mach ich das und wozu? Man oder ich musste von dieser komischen Vorstellung loskommen. Es gab auch sehr viele gesellschaftliche Vorstellungen, die auf dieser Tätigkeit liegen und die man auch ein wenig abstreifen muss, z.B. dass man sich selber mal in der Arte-Doku der Zukunft sieht, besprochen von irgendwelchen Leuten und meint, man müsse den Weg der vielen unglaublich berühmten Leute gehen. Das kann man machen, wenn man das möchte, aber mir ist klar geworden, dass das nicht mein Weg ist. Bildende Kunst ist für mich eher ein Werkzeug, genauer gesagt ein Präzisionswerkzeug. Da habe ich dann gemerkt, es geht mir gar nicht so sehr ums Kunst Machen und ums Künstler Sein, sondern  es geht mir eigentlich um etwas ganz anders. Die bildende Kunst ist irgendwie immer nur ein Mittel, um etwas sichtbar zu machen. In den letzten Jahren habe ich dann immer weiter versucht mich darauf zu fokussieren, was das genau ist, warum ich das mache. Mir geht es weniger darum, jetzt ein bestimmtes Bild, eine bestimmte Vorstellung oder eine bestimmte Aufgabe in den Augen anderer zu erfüllen, sondern etwas ganz Bestimmtes zu greifen, etwas, dass ich nicht anders gegriffen kriege.

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Chris Löhmann: Fingerübung #1109, Faserstift auf Velin, 2020 | Foto: Chris Löhmann

Chris Löhmann besteht die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Da er bereits vor Studienbeginn ein sehr guter Zeichner ist, nutzt er intensiv die Angebote der Werkstätten der Hochschule. Hier macht er sich mit druckgrafischen Techniken, wie Radierung und Lithografie, vertraut. Erlernt den Umgang mit der Radiernadel und gräbt seine Zeichnungen seitenverkehrt in die widerständige Kupferplatte ein. Auf großformatigen Lithosteinen aus Solnhofener Kalkstein entwickelt Löhmann Landschaftspanoramen, Architekturen und figürliche Szenerien.

Ich bin sehr froh, dass ich studiert habe. Ich habe viel gelernt. Ja, ich glaube, die größte Schwierigkeit innerhalb des Studiums war sich zu motivieren, obwohl man es nicht muss. Das war immer eine große Aufgabe. Gerade weil ich eben bei diesem Professor war, bei Professor Bömmels. Er stand schon kurz vor der Rente und ihm war sozusagen, ja nicht mehr so viel daran gelegen jetzt all zu aktiv einzugreifen. Und das war für mich sehr praktisch und sehr gut. Ich habe so das Gefühl, ich wusste das damals schon selbst sehr gut, wohin ich wollte und er hat mich einfach machen lassen. Deswegen würde ich sagen, ist meine Arbeit gar nicht so sehr an ihn oder an seine Arbeit geknüpft. Aber ich habe in den Werkstätten unheimlich viel gelernt. Dass ich die Techniken gelernt habe, das war ganz ganz wichtig. Das war sehr gut, also Radierung und Lithographie, mit diesen beiden Druckgraphiken habe ich mich beschäftigt. Ja, das Praktische, das war wichtig, um mich ausdrücken zu können, um neue Wege zu finden, um mich auch herauszufordern. Auch immer mal wieder von dem abzurücken, was ich richtig gut konnte. Es war gut dann plötzlich eine Metallplatte oder einen Stein zwischen dem eigentlichen Ergebnis zu haben. Ein Druckstock, der bearbeitet werden musste, das war wichtig, das war sehr sehr wichtig.

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Chris Löhmann: Das verborgene Schloss auf der Opitzhöhe (Die Antwort darauf kenne ich nicht), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Seine Bildgegenstände waren, scheint es, immer schon da. Die Bildsprache bleibt dem Figürlichen verbunden. Löhmann weiß bereits von Anfang an, was er gestalten möchte. Die Freiheit, die ihm von seinem Hochschullehrer Peter Bömmels gewährt wird, ist verführerisch, fordert jedoch umso mehr Selbstdisziplin und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten und Vorstellungen. Während des Studiums oft sich selbst überlassen, lernt er allmählich, dem eigenen Urteil zu vertrauen und nutzt den Freiraum der Kunsthochschule zur Verwirklichung seiner Bildideen.

Ich will nicht zu negativ darüber sprechen. Es war auch ein toller Ort, aber es war auch ein Ort der großen Gleichgültigkeit. Das hat man vor allem erlebt, wenn man mit sehr viel Fleiß im Atelier gearbeitet hat und dann abends nochmal rausgegangen ist auf die Flure. Es war toll! Man ist durch dieses herrschaftliche Gebäude gegangen und es war niemand da. Das ist zum einen ganz großartig, aber es war auch zum anderen nicht unbedingt der energetische Ort, den ich mir zuvor vorgestellt hatte. Und auch im Hinblick auf die Professoren, da muss ich sagen, das mag vielleicht bei dem ein oder anderen Konzept gewesen sein, da will ich jetzt nicht Unwillen unterstellen. Aber ich weiß ganz genau, falls ich mal in die Verlegenheit kommen sollte, den Job zu machen, dann werde ich ihn definitiv anders machen. Was mir wirklich gefehlt hat war ein offenes ehrliches Interesse und die Fähigkeit sich auf etwas einzulassen, was vielleicht nicht so dem Eigenen (des Professors/der Professorin) entspricht. Deswegen war ich gezwungen zuzusehen wie ich mit dem, was ich hatte zurecht kam und auch selbst etwas zu machen. Ja, ich habe auch für heutige Verhältnisse relativ spät angefangen zu studieren (Im Alter von 25 Jahren). Ich kam nicht direkt mit 18 von der Schule, sondern ich hatte eben davor schon die Möglichkeit mich ausgiebig auszuprobieren und ganz viel zu machen. Ich hatte die unterschiedlichsten Abstraktionsgrade ausprobiert. Deswegen war ich eigentlich schon relativ zielgenau, in dem was ich machen wollte und habe mich dann auch nicht groß beirren lassen. Das war auch ganz gut so, im Nachhinein betrachtet. Für mich individuell war genau das der richtige Weg. Und wie gesagt, mein Professor war ja eher so, dass er sehr locker eingestellt war. Da konnte ich auch einmal zwei Jahre lang nicht zum Klassentreffen erscheinen und er hat gesagt: „Oh, schön, dass du mal wieder da bist.“ Bei jemand anderem hätte ich mir gleich eine andere Klasse suchen können, aber so, das ging, das hat gut zusammengepasst. Man kann es natürlich von zwei Seiten betrachten. Manchmal hat man sich drüber beschwert, aber im Grunde genommen, hat man einfach das Beste daraus gemacht und das genutzt, was man hatte.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Dubener Panorama, Faserstift auf Velin, 2021 | Foto: Chris Löhmann

Die liberale Haltung und das in ihn gesetzte Vertrauen seines Hochschullehrers Peter Bömmels wirken, wenn auch indirekt, positiv auf Löhmanns künstlerische Entwicklung. Peter Bömmels, 1951 in Nordrhein-Westfalen geboren, ist Ende der 1970er Jahre Teil der Künstlergeneration der sogenannten “Neuen Wilden”, die sich mit einer zunehmend individualistischen, figurativen Malerei in Opposition zu Minimal und Concept Art begeben. Eine der Keimzellen war Köln, wo von 1980 bis 1983 die Künstlergruppe und Ateliergemeinschaft “Mülheimer Freiheit” bestand. Peter Bömmels zählte neben Hans Peter Adamski, Walter Dahn, Jiří Georg Dokoupil u.a. zu den maßgeblichen Mitbegründern der Gruppe. In scheinbar naiver gegenständlicher Formensprache verarbeitet Peter Bömmels die Grundfragen des Lebens zwischen banalem Alltag und existentiellen Erfahrungen von Geburt, Tod und Vergänglichkeit, ohne einem überhöhten Pathos zu verfallen. In ironischer Distanz verortet er die mitunter schaurig existenziellen Kämpfe seiner Protagonisten in flächenbetonten Bildräumen.

Er war eine sehr große Plaudertasche. Das war bisweilen mitunter schon auch sehr anstrengend. Er hat gerne erzählt und erzählt und kam vom Hundertstel ins Tausendstel. Das war manchmal schon ein bisschen anstrengend. Wenn man irgendwo eine Kuh abgebildet hatte, dann fing er plötzlich an zu erzählen: „Ich hatte da mal einen Bekannten, der hatte eine Kuh im Keller […].“ Da habe ich mich gefragt, was hat denn das jetzt damit zu tun dass ich eine Kuh darstelle, aber gut. Das war so, darin hat sich dann auch in gewisser Hinsicht seine Arbeitsweise widergespiegelt. Genauso hat er funktioniert und deswegen war es schon ganz gut, dass ich machen konnte, was ich wollte und er gemacht, was er wollte.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Die Ohrringe (Ehrenvolle Gesänge für die Toten), Faserstift auf Velin, 2020 | Foto: Chris Löhmann

Doch rückblickend auf sein Studium, das Löhmann 2022 nach einer selbst gewählten Pause mit dem Diplom abschließt, gibt er zu bedenken, dass er sich durchaus etwas mehr pädagogische Nähe oder zumindest einen beratend-kritischen Blick auf das eigene Werk gewünscht hätte.

Ich glaube die wichtigste Aufgabe, die ich so bei einem Pädagogen im Bereich Kunst und bildende Kunst sehe, ist zu sehen oder wahrzunehmen, was das Gegenüber braucht. Ganz oft gibt es Leute, die in ihrem Konzept ein bisschen zu fest gefahren sind, die entweder nur Arschtritte verteilen können oder gar nichts sagen. Ich war z.B. jemand, ich hätte ein bisschen Zuspruch gebraucht, das wäre bei mir immer so der Antrieb gewesen noch weiter zu machen. Genau das ist das, was ich anders machen würde. Also jemandem, der sozusagen eine konstruktive, aber kräftige Kritik braucht, dem gebe ich die natürlich auch. Aber wenn ich spüre, da braucht jemand wiederum Zuspruch, würde ich mehr zuhören und mehr Interesse zeigen, mehr fragen, mehr mitdenken beim Fragen. Das wäre mir wichtig. Und ganz wichtig ist auch, zu fragen, wo soll es hingehen, was will man machen. Weil ganz oft gibt es diese schwierige Erwartungshaltung an dieses Studium, dass man erwartet, da gehen alle als bildende Künstler raus. Aber ich habe innerhalb des Studiums auch noch einmal gelernt, die Wege, die man von dort aus machen kann, die sind ja unglaublich vielfältig und unterschiedlich. Also es gibt Leute, die gehen dann tatsächlich in die Lehre. Manche absolvieren noch ein Aufbaustudium im Bereich Kunsttherapie. Andere hingegen machen noch einmal etwas ganz anderes damit. Es sind eigentlich gar nicht so viele Leute, die dann am Ende bildende Kunst machen. Deshalb finde ich es immer schwierig, wenn dann von außen Leute kommen, z. B. in der Diplomausstellung, die ganz harsch den Bannhammer schwingen (lacht) und sagen, ‘das ist keine bildende Kunst‘. Da denke ich mir aber auch, das ist ja auch nicht zwangsläufig gegeben, das muss ja auch nicht zwangsläufig in die Richtung gehen. Das war auch noch wichtig für mich, das herauszufinden, das zu bemerken.

Chris Löhmann

Auch in der Zeit nach dem Studium arbeitet Chris Löhmann konsequent und unermüdlich, häufig auch nachts, an seinen monumentalen Zeichnungen. 2016 war er unter den Erstplatzierten der 11. Grafikbiennale „100 Sächsische Grafiken”, der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz. In Dresden und Umgebung wird Löhmanns Werk permanent in Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert. Gerade weil er noch nicht ausschließlich von den Früchten seiner Arbeit als bildender Künstler leben kann, wie ein Gros aller Kunstschaffenden, entwickelt Chris Löhmann einen pragmatischen Sinn für die Verbindung von Berufung und Lebensunterhalt. 2021 nach seinem Umzug in die Gemeinde Königstein in der Sächsischen Schweiz arrangiert er sich mit den lokalen Gegebenheiten und findet eine Arbeit vor Ort als Kursleiter für kreativen Unterricht in einer Grund- und weiterführenden Schule.

Ich liebe es, es ist so toll. Die Kinder, die ich da hab, sind so schön motiviert, so richtig klasse. Ich habe immer das Glück, dass ich Kinder in meinem Kurs habe, die richtig Bock haben. Ich muss da auch nie viel aktivieren, ich packe das Material auf den Tisch, ich zeige was man damit machen kann und die legen los. Das ist auch immer das Schöne. Das haben mir die Kinder letztens auch wieder gesagt: „Das ist so schön bei ihnen, so frei arbeiten zu können und sie sind so nett.“ (Lacht) Ich bin da ganz frei und ganz offen, ich lasse die Kinder einfach machen. Das macht mir auch richtig viel Spaß, weil man auch immer merkt, sie sind so dankbar für ein offenes Ohr. Wenn man ihnen auch einmal Fragen außerhalb der Reihe stellt, z. B. darüber, was sie gern machen, was sie so beschäftigt. Das interessiert mich natürlich auch als Vater, weil manchmal trifft man einfach Kinder außerhalb des eigenen Haushalts, die besser erzählen können. Die eigenen Töchter erzählen einem dann doch eben bisweilen nicht alles. Dann ist es schön, wenn man die anderen Kinder fragen kann: „Na wie denkst denn Du darüber, wenn Dein Papa so oder so reagiert?“ Letztens habe ich sie auch gefragt, ob sie sich mehr Zeit mit ihren Eltern wünschen würden, das hat mich dann sehr interessiert. So etwas kann ich dann immer machen und fragen. Aber ansonsten das ist wirklich sehr schön. Die Kinder haben richtig Lust darauf, sich auszudrücken. Das beflügelt mich dann auch immer. 

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Fingerübung #1102, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Im Unterricht mit Kindern unterschiedlicher Altersgruppen kommt dem Künstler seine Erfahrung als Streetartist zu Gute, er nutzt Schablonentechniken und Paste-ups, eigens bemalte und beschriebene Papiere, die als ephemere Botschaften an Hauswände geklebt werden. Durch sein Verständnis und Einfühlungsvermögen für die Jugendlichen, ihre Sorgen und Sehnsüchte fällt es ihm leicht, sie für Kunstkonzepte zu begeistern und ihnen damit eine Möglichkeit zu eröffnen, die eigene Meinung im öffentlichen Raum sichtbar werden zu lassen. 

Gerade unterrichte ich sie tatsächlich im Vandalismus (lacht). Ich habe ihnen jetzt beigebracht, dass man DHL Poststicker auch zu Stickern umbauen kann, indem man selbst darauf zeichnet. Also ich benutze Acrylstifte, zeige, dass man dies und jenes damit machen kann. Paste-ups mache ich z.B. mit ihnen. Das ist toll, das ist wie damals bei mir in Freital, die Kinder fangen an die Stadt plötzlich als Abenteuerspielplatz zu begreifen. Sie denken, ‚Da kann ich was hin kleben, da kann ich was hinmachen. Dadurch kann ich jetzt etwas an die Stadt kommunizieren‘, wie: „Da langsamer fahren!“ Oder sie gestalten irgendwelche anderen Sachen, die ihnen im Kopf herumspuken. So etwas, das mache ich gerade gerne. Es ist gut, zu sehen wie sich da irgendetwas plötzlich in den Kindern verselbständigt. Das macht mir gerade Freude. Überhaupt zu sehen, wie es den Kindern Spaß macht. Das ist das Wichtigste. 

Chris Löhmann

Familienaktivitäten, wie den Alltag mit den Kindern und die jeweilige Arbeitszeit, koordiniert Chris Löhmann gemeinsam mit seiner Partnerin Christin Pietzko, die sein Werk zudem als Kunsthistorikerin wesentlich fördert.

[…] Indem wir uns wirklich gut eintakten. Jetzt ist alles viel einfacher, jetzt sind alle Kinder in der Kita, sodass man unter der Woche am Vormittag und am Nachmittag Zeit hat zu arbeiten. So machen wir das eigentlich. Aber vorher war das wirklich so, dass ich Christin tagsüber zeitlich freigehalten habe und ich selbst dann sozusagen Zeit in der Nacht vom Schlaf abgezogen habe (um an meinen Zeichnungen zu arbeiten). Also das war wirklich eine harte Zeit. Deswegen bin ich jetzt froh, dass ich auch mal wieder am Tag arbeiten kann. Auch wenn Tageslicht jetzt nicht so wichtig ist für meinen Werkprozess.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Der kleine Königsteiner Zauberladen auf der Bahnhofstraße, Faserstift auf Velin, 2022 | Foto: Chris Löhmann

Die Stipendienlandschaft für bildende Künstler*innen in Deutschland ist groß, könnte man auf den ersten Blick meinen. Dennoch sehen sich die meisten Künstler*innen gezwungen trotz aller Fördermöglichkeiten zusätzlich in einem anderen Bereich, jenseits ihrer künstlerischen Tätigkeit, zu arbeiten. Sei es nach einem Aufbaustudium als Kunsttherapeut*in oder in weniger verwandten Berufen.

Förderungen sind aber kein langfristiges Modell. Gerade wenn Du Familie hast, dann kannst du nicht hoffen, dass jetzt die nächste Förderung, auf die Du Dich bewirbst, klappen wird. Auch diese vielen Erfordernisse, das ärgert mich auch. Insbesondere wenn bisweilen ein ausgearbeitetes Konzept gefordert wird, um sich überhaupt bewerben zu können. Dann musst Du schon so viel Arbeit allein in dieses Konzept investieren, nur um einer der vielen zu sein, die dann aussortiert werden. Da hat man dann auch irgendwann keine Lust mehr. […]

Ich habe immer so das Gefühl beim Recherchieren nach Förderangeboten, ich bin nicht recht zufrieden. Entweder die Bedingungen sind völlig utopisch, wie zum Beispiel: „Sie dürfen das Alter von 19 Jahren nicht überschritten haben und brauchen einen unbedingten Bezug zum Landkreis Pfundsbüttel.“ Großartig, also wenn Du alle diese Sachen ausblendest, die sozusagen unpassend sind oder ganz merkwürdige Vorgaben haben, dann bleibt immer nicht viel übrig. Allerdings kann ich es verstehen, dass z.B. das Kulturministerium in Sachsen nicht allzu große Fördersummen bereitstellen kann. Natürlich würde ich mir das schon wünschen. Weil die meisten Förderungsmöglichkeiten und Förderpreise, die es gibt, die sind ja schon immer von Leuten ausgelobt, die sich dankenswerter Weise dafür einsetzten und eine fundierte Ansprüche haben. Dann gibt es da auch das Bedürfnis einiger Fördermittelgeber, die meinen: „Ich haben ja ein bisschen Geld, aber da muss ich mir natürlich ein Thema ausdenken, denn der Künstler braucht etwas zu tun. Ich muss ihn jetzt ein bisschen springen lassen für das Geld. Er soll mir jetzt bitte ein Werk machen zum Thema Viertaktmotor (Lacht).“ Da erlebt man schon so die ein oder anderen absurden Dinge.

Ich weiß nicht. In der Hinsicht bin ich nicht zufrieden, aber ich kann auch keine großartigen konstruktiven Vorschläge machen, weil sobald mir was Gutes einfällt, fällt mir auch wiederum das Gegenargument ein. Ich kann schon verstehen, dass nicht alles immer so unglaublich gut oder ausreichend gefördert werden kann. Also wir leben jedenfalls ganz gut. Wir kommen über die Runden, da ist alles in Ordnung. Ich gebe meine Kurse nebenher, das ist ganz ganz wichtig. Finanziell ist es jetzt eben nicht so bombig, aber es muss schon irgendwie gehen. […] Ich habe ja Kollegen und Kolleginnen, die solche blöden Jobs machen müssen, nur um über die Runden zu kommen, die wirklich gar nichts mit ihrer Berufung zu tun haben.

Chris Löhmann

Ausgangspunkt für Chris Löhmanns eigenes bildkünstlerisches Schaffen ist das Suchen und Sammeln von Eindrücken in seiner Umgebung. Im Sinne einer visuellen Skizze fotografiert er auf seinen Streifzügen, verwilderte Industrieruinen der Gründerzeit oder serielle Typenbauten der DDR. Das Denken in historischen Dimensionen ist bedeutsam für Löhmann. Seine Arbeiten sind durchzogen von einer hochkomplexen und vielschichtigen Welt aus Realien, sei es aus dem unmittelbaren Alltag unserer Konsumwelt oder Funde längst vergangener Zeiten, wie historische Fotografien und Militaria. Löhmann ist außerdem ein Sammler von Sagen und mündlichen Zeitzeugenüberlieferungen, die auf subtile Weise in Text- oder Portraitfragmenten in seine rätselhafte Bildwelt einfließen.

Chris Löhmann: Johnny Cash in Zauckerode, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Viel von meinen inspirierenden Gegenständen besitze ich tatsächlich selber, weil ich sie ausgegraben habe und weil ich ein Auge dafür habe, wo die Leute vor hundert Jahren oder früheren Zeiten ihren Müll weggeworfen habe. Wenn ich irgendwo im Wald Scherben sehe, dann weiß ich Bescheid, da lohnt sich das Buddeln. Ich muss aber auch sagen, es gibt für mich dieses intuitive transzendente Erarbeiten und Erfühlen, der Dingen, die ich um mich herum sehe. Dann wiederum habe ich diese ganz exzessive Beschäftigung mit Freital. Ich weiß nicht, ob euch das aufgefallen ist, dass ich ganz oft immer wieder darauf zurückkomme? Nicht so sehr, oder doch, oder vielleicht deswegen weil ich eben auch so viel Zeit dort verbracht habe, weil das so eine Stadt oder so ein Ort ist mit dem ich ganz intensiv auf Tuchfühlung  gegangen bin. Deswegen, das soll jetzt auch wieder nicht so esoterisch klingen, aber deswegen fühlt man viel Geschichte von einem Ort. Wenn man dann noch am Buddeln ist und noch etwas ausgräbt und dann wiederum die Geschichten der Leute hört, die man dort kennt, dann verdichtet sich das auch manchmal zu so einem Konglomerat.

Ich sauge alles wie ein Schwamm auf. Mir fällt sehr sehr viel zu diesen Leuten (in Freital) und zu ihrer Vergangenheit ein. Das ist schon ulkig. Ich habe zum Beispiel eine ganze Kiste voll mit alten Fotos aus Freital, also richtig alten Fotos aus der ersten Generation der Fotografie, würde ich fast schon behaupten. Und wenn Du dort so Gestalten siehst, die den Leuten ähneln, die Du von dort kennst, das ist schon faszinierend. Wenn Du dann die Struktur der Stadt kennst und ihre Architektur. Das ist spannend, auch für die Betrachter meiner eigenen Arbeiten. Ich finde, da kann ich auch einmal sagen, dass ich es spannend finde, was ich ansonsten für ein ganz fürchterliche Ausdrucksweise halte, wenn man über seine Arbeiten spricht. Ich finde es interessant, wie stark Sachen aus der Vergangenheit nachwirken können, die vielleicht auch gar nicht uns selbst betroffen haben. […] Da sehe ich dann auch sehr viel Trauer und Leid, auch in Freital selbst, wo manchmal die Leute, auch viele Bekannte ganz traurig sind, auch mit sich, mit ihrer Stadt, mit ihrer Umgebung. Meine Vermutung ist, das hat auch sehr viel mit dem Leiden der Stadt selbst zu tun, ihrer Struktur und ihrer Geschichte. 

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Das Verwundetenabzeichen (Erscheinung auf den Salbeifeldern), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Freital teilt leider das Schicksal einiger ostdeutscher Kleinstädte mit einer starken radikalen Basis und einem breiten Spektrum an rechts-konservativen Wählern. Zuletzt schrieb die sächsische Kreisstadt im Jahr 2015 Schlagzeilen wegen ihrer fremdenfeindlichen Proteste gegen die Unterbringung von Asylbewerbern. Umso wichtiger ist es auch hier darauf aufmerksam zu machen, dass viele Bewohner*innen Freitals unglücklich und besorgt über diese Entwicklungen sind und es bedeutsam ist, die demokratisch offenen Bewohner*innen der Kreisstadt zu unterstützen, damit ihre Stadt eine weltoffene Zukunft haben kann.

Chris Löhmann: Nächtliche Lichter über Hainsberg West (tiefe Ruhe), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Unberechenbare Faktoren, wie Traumerlebnisse oder purer Zufall sind ein wichtiger Teil des Löhmannschen Werkprozesses. Selbst wenn er vorgibt, keine völlige Kontrolle über die Konzeption des eigenen Werks zu haben, pflegt Chris Löhmann hier keine Rhetorik der Hermetik eines ingeniösen Künstlerdaseins. Für ihn ist die sich selbst offenbarende Idee einer Bildschöpfung nicht in einer nachtwandlerisch-unbewußten Geniebegabung zu finden. Chris Löhmann braucht die bildkünstlerische Arbeit regelrecht, um seinen komplexen Vorstellungen jenseits von Sprache Ausdruck zu verleihen. Wegweisend für Löhmann ist zudem das metaphysische Prinzip des Schöpferischen, wie es Paul Klee für die Kunst der Moderne formuliert. Nach Klee sei es Aufgabe der Kunst, die unsichtbar wirkenden Naturkräfte, das verborgene Geschehen der Physis sichtbar zu machen. Der einstige Bauhäusler strebte nach einer Darstellung der Natur und des Seienden von einem Standpunkt aus, von dem alles Seiende – das Diesseitige und das Jenseitige, als gleich wesentlich erscheinen.

Chris Löhmann: Selbst mit schwerem Kopf, Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

 Auf der Suche nach dem Grund, warum ich Kunst mache, habe ich festgestellt, dass es eher ein Produkt dieses Prozesses ist, ein zufälliges, das alle Menschen um mich herum, das als Kunst wahrnehmen und mich als Künstler. Also es geht mir wie gesagt nicht darum, das zu sein und zu verkörpern, sondern, ich musste mich auch von diesem Begriff lösen innerhalb des Studiums, das war ganz schwierig, das war auch meine persönliche Schwierigkeit während des Studiums. Das man das an mich herangetragen hat. Die Erwartungen einer Künstlerexistenz musste ich abstreifen und das alles völlig vergessen, um mich auf das Wesentliche zu fokussieren. Und das Wesentliche ist bei mir, dass darzustellen oder greifbar zu machen, was ich nicht darstellen kann (verbal oder schriftlich) bisher bzw. das Unsichtbare sichtbar zu machen, um nach Klee zu sprechen. Das sind diese Momente, auch wenn es ein bisschen theatralisch klingt, sage ich, die Visionen, die ich habe, diese irgendwie zu manifestieren, einzufangen, nicht eins zu eins, sondern sozusagen in Andeutungen und Symbolen davon zu sprechen, das ist mir wichtig. Das ist der Grund, warum ich das überhaupt mache und wenn die Gesellschaft um mich herum jetzt sagen würde, das, was du da machst, das ist Rohrreinigung, dann würde ich mich als Rohrreiniger bezeichnen und das als Rohrreinigung, was ich tue. Aber da man meine Arbeiten ansieht und sagt, das ist bildende Kunst und du bist Künstler, sage ich okay gut. Aber das ist nicht, das Wichtigste. Das ist nicht das Eigentliche. Ich habe immer so meine Probleme, darüber zu sprechen, deswegen zeichne ich, weil mir das eher liegt. Das ist mein Medium, um ich auszudrücken. Deswegen seht es mir nach, wenn ich um Worte ringe. Auch weil ich weiß, dass meine Worte manchmal, wenn ich sie nicht ganz präzise wähle oder vielleicht in Ermangelung eines besseren Wortes irgendetwas anderes benutze, dann schnell, etwas ganz anderes ausdrücke, als das, was ich eigentlich sagen will. Ich hab immer das Problem, wenn ich über das, was ich meine Vision nenne, spreche, dass es dann immer so esoterisch klingt. So ist es aber auch gar nicht gemeint. Also das, was ich mache, das ist etwas ganz ganz Persönliches. Ich habe diese ganzen Erwartungen z.B. sieht das „contemporary“ aus oder nicht, das habe ich alles abgestreift, das ist mir völlig gleich. Ich konzentriere mich nur auf die inneren Bilder und versammle die Dinge, die ich mit meinem Kopffilter auffange, die versammle ich in meinen Bildräumen. Es geht mir um die Momente, die ich (geistig) habe, die möchte ich visuell verdichten, darum geht es mir. Denn in diesen Momenten habe ich das Gefühl, das ist so der Sinn meines Lebens. Genau diese inneren Bilder in einer Arbeit manifestiert zu sehen, das ist großartig. Da gehe ich auf, da habe ich das Gefühl, da mach ich genau das, was ich tun soll.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Die falsche Fährte (Rast in der Freitaler Lederbude), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Löhmanns großformatige, in altmeisterlicher Akkuratesse ausgeführte Faserstiftzeichnung auf Papier sind wahre Kompositlandschaften. In manchen Szenerien scheint eine Art Vorhang die Bildwelt in zwei Ebenen zu teilen. Überirdisch schwebt das gigantische Personal eines Engelsturzes. Der gefallene und zugleich gequälte Luzifer entpuppt sich jedoch bei genauer Inaugenscheinnahme als Chimäre aus Mann, Frau und Teufel. Seine Torturen sind so endlos wie die gewaltvollen Torsionen seiner Gliedmaßen. Das ausgebreitete drachengleiche Flügelpaar auf seinem Rücken scheint zugleich Kontur und Fläche des Firmaments, das die unterirdische Welt eher mit der irdischen verbindet. Doch die Flügelfläche des Satanischen Wesens verwandelt sich zugleich in eine neue Bildqualität, mutiert zum Vorhangstoff für Orden und Abzeichen der beiden Weltkriege. Bedeutung und Maßstab der dargestellten Figurationen sind ständig im Wandel begriffen. Mitunter gleichen sie miniaturisierten leblosen Gegenständen, um im nächsten Augenblick als überdimensionale Wesen zum Leben zu erwachen oder abermals als Phantome auf historisch anmutenden Fotografien zu erstarren. Diese Arrangements aus Objekten, Menschen und Landschaften unterbricht Löhmann immer wieder mit Texten und Notaten, die unseren Wahrnehmungsfluss durchkreuzen. „Hör auf zu fragen” heißt es da auf einer handschriftlichen Notiz. Auf einem Zettel inmitten von collagierend gezeichneten Fotografien, Rosenkranz- und Eisernem Kreuz lesen wir “Ich bin ein Mann ohne Gedächtnis”. 

Chris Löhmann: Ausschnitt aus The Torture Garden (Grenzverlauf), Faserstift auf Velin, 2020 | Foto: Katharina Arlt

[…] Ich sehe etwas und oder höre es oder nehme es wie auch immer wahr und habe sofort ein ganz spezielles, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, in Ermangelung eines besseren Wortes, sage ich, Bild im Kopf. Ich sehe, einen Gegenstand oder dergleichen und habe eine Geschichte im Kopf, im besten Falle, noch irgendeinen Zusammenhang, fast ein bisschen so wie eine Erinnerung, die nicht meine eigene ist und das ist in dem Moment für mich unheimlich schwer zu greifen. Das kriege ich nicht gegriffen, das kann ich gar nicht, weil ich auch gar nicht beschreiben kann, wie ich das wahrnehme, ob das jetzt ein Bild ist oder etwas Gehörtes oder Gefühltes, das ist ganz ganz schwer und da versuche ich mich aber ranzutasten, in dem ich diese Dinge nehme und sie (in einer Zeichnung) zusammenpacke.

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Hellsicht (Einsicht in Hainsberg), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Caspar David Friedrichs Malerei und seine weltliche Auffassung von Religion bieten Löhmann einen Ansatz für das eigene Werk. Friedrich schuf seine Arbeiten, der romantischen Fragmenterfahrung folgend, aus zeichnerisch studierten Wahrnehmungspartikeln, die häufig verschiedenen Zeiten und Örtlichkeiten entstammen konnten. Für ihn vermittelte die Selbsterfahrung in der Natur und vor allem der Malprozess eine Ahnung des Überirdischen. Religiöse und kosmologische Bedeutung spiegelt sich bei ihm insbesondere als ästhetische Qualität in Proportion und Komposition seiner Arbeiten.

 Der hat ja auch gemeint dass es sinngemäß nicht darauf ankommt, etwas nur eins zu eins zu kopieren, sondern das Göttliche zu extrahieren und zusammenzuführen. All diese vielen kleinen Fünkchen, die überall verteilt sind, sozusagen im Bildraum zu verdichten, und darum geht es mir, das möchte ich machen. Oder vielleicht muss ich das auch machen, ich weiß es gar nicht (lacht). Dazu fühle ich mich in positiver Hinsicht genötigt und deswegen sind diese Bildräume auch nicht ganz frei von meinem eigenen Empfinden in Bezug auf Ästhetik und Spannung. Ich finde es natürlich auch toll, mir so etwas ganz Vielgliedriges anzusehen. Das hat mit Sicherheit ja auch mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Also einer der ersten Künstler, die ich gesehen habe, also in Büchern wahrgenommen habe, war Salvador Dalì, den fand ich ganz furchtbar spannend. Das hat mich gleich angesprochen, weil ich gemerkt habe, diese sehr mystische Dimension, die ist in seinen Arbeiten auch schon vorhanden. Das finde ich auch ganz toll. Diese ganz eigenen Momente, die ich da habe bzw. diese seltsamen Bilder, die ich im Kopf habe, manchmal wenn ich etwas sehe oder etwas in der Hand halte, das will ich umsetzen, das ist ganz wichtig. Warum auch immer (lacht).

Chris Löhmann
Chris Löhmann: Abschied vom Vogelhof (Ein Indianer kennt keinen Schmerz), Grafit auf Velin, 2023 | Foto: Chris Löhmann

Der/die Betrachter*in wird angelockt durch Löhmanns hermetische Tableaus, die er mit einer regelrecht skrupulösen Lust am Detail entwickelt. In diesen möglichen Welten existieren explizite Sexualität und Nacktheit gleichsam neben Elementen christlicher Ikonographie und Konsumgütern des Alltags. Hier bevölkern Chimären den urbanen Stadtraum, der aus einem Dickicht fantastischer Vegetation empor wächst. Löhmann seziert und rekombiniert seine Kompositionen aus Gefundenem, aus zufälligen Bildeindrücken und eigenen Vorstellungen. Die Arbeit an seinen häufig großformatigen Zeichnungen erfordert ein hohes Maß an Konzentration. Hierbei hilft ihm Musik. Doch trotz Versenkung und meditativer Haltung bleibt es nicht aus, dass sich das Zeichnen der schieren Menge grafischer Details und komplexer räumlicher Dimensionen bisweilen fast körperlich ermüdend auf den Künstler auswirkt.

[…] Ja aber das bewahrt mich nicht davor, dass mir die Blätter, dann irgendwann auf den Sack gehen. Es ist oft so, dass ich manchmal Tage und Wochen an einem Strauch sitze und denke ich kann das nicht mehr sehen, ich will etwas anderes zeichnen als einfach immer nur Blätter. Doch ja. Deswegen ich höre auch sehr gern Musik beim Arbeiten, die mit meiner Arbeit sehr eng verwandt ist. Deswegen hat das definitiv etwas von Versenken, das mache ich ja auch in meiner Herangehensweise, das ist ja nicht so verkopft was ich mache, sondern das ist ja auch alles sehr intuitiv. Da muss ich auch mein Wollen auf eine gewisse Art und Weise ein bisschen zurückstecken und ausschalten.  

Chris Löhmann
Chris Löhmann: The rule of thirds (Bannzauber im Stahlwerk), Lithographie auf Velin, 2020 | Foto: Chris Löhmann

Noch bis ins 19. Jahrhundert galt das Atelier eines Künstler/einer Künstlerin vornehmlich als Ort der Inspiration, diente aber auch der Inszenierung des Kunstschaffenden. Ob als “Weihestätte der Kunst” mit überbordender Ausstattung oder puristischer Hort des Rückzugs, es ist und war, was häufig übersehen wird, vor allem ein Raum der Arbeit. Auch Chris Löhmann verfügt über einen solchen Ort. Der einstige Paket- und Schalterraum des Postgebäudes ist auf einer Seite durch eine Felswand verdunkelt. Das einzige lichtdurchflutete Fenster befindet sich gegenüber einer Reihe von Grafikschränken und einem großen Tisch. An den Wänden sind große Papierbahnen fixiert. Hier zeichnet Chris Löhmann im Stehen mit Grafitstift. Kleinere Formate bearbeitet er häufig mit schwarzem Faserstift am Tisch. Eine niedrige Lampe spendet das dafür erforderliche Licht. Der geringe Lichtkegel genügt, denn die Zeichnungen wachsen langsam, Detail für Detail, in großer Nahsicht, zu einer Komposition heran. Unter der hohen Decke des Raums hängen handgefertigte Masken aus Bali, Indonesien, Indien und Tibet. Ein kleines Sammelsurium aus Postkarten, Grafiken, anatomischen Darstellungen und Statuetten ist lose über und auf dem Tisch verteilt.

Im Atelier von Chris Löhmann, Königstein in der Sächsischen Schweiz 2023 | Foto: Adam Dreessen

[…] Indonesien, Bali, Tibet und Indien, die balinesischen Masken mag ich eigentlich am meisten. Die sind so großartig ausgearbeitet und diese Haare, die haben eine tolle Präsenz. Ich mag auch diesen einfachen Drachen aus der Mythologie so gern: Es gibt da den Part des Guten, das ist der des Drachen und den Part des Bösen, der Hexen. Diese Weiße dort, diese Große, die auch Kinder frisst [… ] das wissen auch meine Kinder. Deswegen gehen sie auch nicht sehr gerne hierher. Das ist so eine kleine Mutprobe bei denen, ich erwische sie manchmal dabei, wie sie ganz andächtig hier stehen und aufschauen und dann sagen: „Schnell wieder weg“. Das ist ganz süß. […]

Ja ich versammle gern die Sachen um mich herum, die ich schön finde. Auch wenn ich sagen muss, dass mein Atelier kein ästhetischer Ort für mich ist. Also ich glaube, das würde ich schon auch irgendwie hübscher einrichten, aber der Raum hat für mich persönlich eher so einen Werkstattcharakter. Also hier arbeite ich, das ist jetzt weniger mein Wohlführfreizeitraum. Das ist ganz wichtig. Es gibt einige Leute, die das damit verwechseln. Deswegen ist mir das noch einmal wichtig, das zu sagen. Ja aber ansonsten, es ist ein dunkler Raum. Christin hat, als wir darüber gesprochen haben, wer jetzt welchen Raum hier im Haus nehmen wird, da hat sie den sehr hellen Tageslichtraum bevorzugt und ich habe den hier gewählt. Weil ich, wie gesagt, das Tageslicht gar nicht so sehr für meine Arbeit brauche. Es ist gut wenn es um mich etwas dunkler ist und ich sozusagen in dem Licht, das ich dann anschalte arbeiten kann. Das kommt sozusagen, dann meiner Herangehensweise im Arbeiten sehr nah. Ich denke, das ist artverwandt so ein bisschen.

Chris Löhmann
Chris Löhmann in seinem Atelier, Königstein in der Sächsischen Schweiz, 2022 | Foto: Adam Dreessen

Portrait- und Atelieraufnahmen von Adam Dreessen und Reprofotografien von Chris Löhmann

TOBIAS HERZZ HALLBAUER hat uns für diese Folge die Musik seines neuen Albums WIN.TER.RISE.E (Dezember 2022) zur Verfügung gestellt. Alle Rechte und Lizenzen liegen bei Tobias Herzz Hallbauer. Mehr Informationen und weitere Alben sind unter www.herzz.de zu finden und zu erwerben.

Instagram Adam Dreessen @adamdreessen

Instagram Chris Löhmann @chrisloehmann

Instagram Tobias Herzz Hallbauer @tobias_herzz_hallbauer

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